Rollator 2.0 – die denkende Gehilfe

Ist ein mitdenkender Rollator der Senioren auf Gefahren oder Krankheiten hinweist ein Produkt aus der Welt des Science Fiction? Nein, mittlerweile ist solch eine Gehilfe Realität. Rund 100 Senioren in Spanien, Italien und England testen bereits solch ein Gerät, genannt FriWalk. Die Testphase dauert bis 2018.

Im Rahmen des EU-Projekts ACANTO (A CyberphysicAl social NeTwOrk using robot friends) arbeiten zehn Projektpartner aus sechs europäischen Ländern an einem neuen System für die Ganganalyse. Der dabei entwickelte Friendly Robot Walker „FriWalk“ besteht aus einem vierrädrigen Rollator, der mit Tiefensensoren und Kameras ausgestattet ist. Zusätzlich trägt der Nutzer für die klinische Analyse spezielle Schuheinlagen mit Drucksensoren. FriWalk ermittelt die genaue Position der Füße am Boden, ihre Ausrichtung und Druckkraft. Aus diesen Parametern werden semantische Informationen wie Schrittlänge und -breite sowie der Gehrhythmus abgeleitet.

Veränderungen im Gangbild können erste Anzeichen für eine neurologische Erkrankung wie Morbus Parkinson oder Demenz sein. Rücken- und Bandscheibenbeschwerden wiederum sind oft auf Haltungs- und Gehfehler zurückzuführen. Ein gängiges technisches Hilfsmittel für die medizinische Diagnose sind speziell entwickelte Laufteppiche. Der Patient geht dabei mehrmals über den Laufteppich und mithilfe von Sensoren wird der Druck, mit dem jemand auftritt, gemessen. Computergestützt werden aus den verschiedenen Belastungsphasen Details zum Gangbild errechnet. Doch diese Methode hat Nachteile. Es entsteht eine künstliche Situation, der Patient fühlt sich beobachtet. Das verändert das normale Gangmuster. Zudem ist ein Laufteppich kostspielig und in der Länge auf wenige Meter begrenzt.

FriWalk ist kostengünstiger als ein Laufteppich und bietet eine umfassendere Datenqualität. Analog zu einem 24 Stunden EKG kann die Person längere Strecken mit dem Rollator fahren. Der Arzt kann dadurch Phänomene erkennen, die möglicherweise erst unter längerer Belastung auftreten. Siemens, ein Projektpartner von ACANTO, erforscht anhand dieser Anwendung die Leistungsfähigkeit der Kombination verschiedener Sensorsysteme.

„Unser Ziel ist eine Version des Rollators für Krankenhäuser und eine günstigere für Familien zu realisieren, die weniger als 2.000 Euro kostet“, sagt ACANTO Projektleiter Luigi Palopoli von der italienischen Universität Trento. Abseits des medizinisch-diagnostischen Einsatzes, könnte FriWalk im Sinne eines persönlichen Trainers wirken. Verwandte, enge Freunde oder der Nutzer selbst tragen Informationen über Gewohnheiten und Vorlieben in ein „FriTablet“ ein. Anhand dieses Nutzerprofils schlägt FriWalk passende Bewegungsaktivitäten vor – zum Beispiel den Besuch einer Ausstellung oder einen Einkaufsbummel. Primär werden die Interessen jedoch aus der Beobachtung vergangener Situationen abgeleitet, in welchen der körperliche und emotionale Zustand des Nutzers erfasst wurde. Dafür wird die mobile Gehhilfe mit zusätzlichen Sensoren ausgestattet, die berührungslos die Herzfrequenz messen und in der Lage sind, Emotionen vom Gesichtsausdruck abzuleiten. Über Gestenerkennung wird das Gerät zudem benutzerfreundlich steuerbar sein.

Auf Basis der gesammelten Gesundheitsdaten können Ärzte und Pflegepersonal Trainingsziele definieren. Während der Durchführung des Trainings fungiert FriWalk als Navigationshilfe und hilft dem Nutzer, mögliche Gefahren, etwa rutschige Stelle am Boden und stressige Situationen wie überfüllte Plätze zu vermeiden. Dafür werden Echtzeitinformationen, die von Sensoren aus der Umgebung und anderen FriWalkern stammen, verknüpft und über eine cloudbasierte Infrastruktur zugänglich gemacht. So kann das System unerwartete Situationen rasch identifizieren und den Nutzer über alternative Möglichkeiten informieren. Ziel ist ein cyberphysisches soziales Netzwerk zu schaffen: Ein Kommunikationssystem, das Nutzergruppen mit ähnlichen Vorlieben miteinander vernetzt und anzeigt, wo gerade eine interessante Gruppenaktivität stattfindet. Dabei wird laut Studienautoren besonderes Augenmerk auf den Datenschutz gelegt.

Dieser Artikel wurde freundlicherweise von Siemens AG Österreich zur Verfügung gestellt und mit kleinen Änderungen von mir übernommen.