Polypharmazie

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Wenn Zäpfchen oder Augentropfen geschluckt und Magentropfen ins Auge getan werden hat das einen Grund. Oder wenn die Tropfen der Großmutter wunderbar gegen Kopfschmerzen helfen und sich im nachhinein herausstellt, daß es sich dabei um ein opiathältiges, verschreibungs­pflichtiges Medikament handelt. Klingt im ersten Moment lustig, dieser „kreative“ Umgang mit Medikamenten kann aber fatale Folgen haben.

Alte Menschen nehmen meist mehr Medikamente ein als junge Menschen. Im Alter wirken Medikamente außerdem anders. Das liegt daran, daß ein alter Körper doppelt so viel Fett wie ein junger und halb so viel Wasser hat. Es kommt auch öfter vor, daß alte Menschen mehrere Medikamente einnehmen, die nicht zueinander passen, sich gegenseitig aufheben oder im schlimmsten Fall die Wirkung aufgrund von mehrfacher Einnahme zu stark ist. Plötzlich stürzen sie, wirken verwirrt, obwohl sie nicht an Demenz leiden, oder zeigen Symptome von Krankheiten, die aber nur Nebenwirkungen von den eingenommenen Medikamenten sind. Erkennt der behandelnde Arzt das Problem nicht, kann es im schlimmsten Fall passieren, daß die Patienten noch mehr Medikamente verschrieben bekommen, um die neu aufge­tretenen Symptome zu behandeln.

Ab Einnahme von fünf verschiedenen Medikamenten pro Quartal spricht die WHO von Poly­pharmazie. Unter Polypharmazie (Multipharmazie) versteht man die gleichzeitige Verord­nung von mehreren Medikamenten bei einer Person.

Die Ursachen für Polypharmazie sind mannigfaltig:

  • ein Patient hat mehrere behandelnde Ärzte. Diese wissen nichts oder nur unzureichend über die verabreichte Medikation der anderen Ärzte. Dadurch kann es zu Wechselwirkungen, Unwirksamkeit und im schlimmsten Fall zu Komplikationen kommen;
  • rezeptfreie Medikamente werden vom Patienten eingenommen ohne den behan­delnden Arzt oder die behandelnden Ärzte zu informieren;
  • es bestehen gleichzeitig mehrere behandlungsbedürftige Erkrankungen. Jede dieser Erkrankungen ist mit verschiedenen Medikamenten zu behandeln;
  • die Wirkung eines Medikamentes läßt nach längerer Einnahme  nach und muß mit zusätzlichen Medikamenten behandelt werden, um die Wirkung, die erforderlich ist, zu erreichen. (z.B. bei chronischen Erkrankungen wie Bluthochdruck, Asthma, Chronischer Obstruktiver Lungenerkrankung – COPD, Parkinson-Syndrom, etc.);
  • ein Medikament wird verabreicht und weitere sind erforderlich, um die Nebenwirkungen abzuschwächen.
  • Selbstmedikation – wenn zu den eigenen Medikamenten noch jene des Ehepartners eingenommen werden, weil sie diesem ja so gut geholfen haben.

„Eine Studie aus Salzburg hat gezeigt, daß 10 % der stationären Aufnahmen bei älteren internistischen Patienten auf Medikamentenwechsel- und Nebenwirkungen zurückzuführen sind.“ Forum Gesundheit [abgefragt am 11-03-2017]

„Gleichzeitig ist bekannt, daß mit zunehmender Anzahl einzunehmender Medikamente die Therapietreue der Patienten sinkt. Das heißt, daß der Patient seine Arzneien nicht mehr korrekt einnimmt. Je höher die Anzahl der verordneten Arzneien, umso größer die Fehlerquote bei der Einnahme.“ Forum Gesundheit [abgefragt am 11-03-2017]

Die österreichische Sozialversicherung möchte mit der Informationskampagne „Vorsicht Wechselwirkung“ zum Nachdenken anregen. Generell sollten Patienten (nicht nur alte) folgende Fragen an den Arzt stellen:

  • Wofür brauche ich das (neue) Medikament?
  • Gibt es außer Medikamenten andere Möglichkeiten, meine Krankheit zu behandeln?
  • „Verträgt“ sich das Medikament mit den anderen Medikamenten, die ich einnehme? Und paßt es auch zu den rezeptfreien oder pflanzlichen Mitteln aus der Apotheke, die ich einnehme?

Weiters rät die Kampagne „Vorsicht Wechselwirkung“:

  • Halten Sie eine Medikamentenliste mit allen Mitteln, die Sie einnehmen, stets aktuell (auch rezeptfrei in der Apothek oder Drogerie gekaufte).
  • Informieren Sie Ihren Hausarzt über alle Befunde und Verschreibungen (z.B. nach Krankenhausaufenthalten oder dem Besuch beim Facharzt).
  • Fragen Sie auch in der Apotheke bei pflanzlichen Wirkstoffen, Nahrungsergänzungs­mitteln und rezeptfreien Medikamenten nach, ob diese zu Ihren anderen Medikamenten passen.
  • Achten Sie darauf, die Medikamente so einzunehmen, wie Ihr Arzt sie verordnet hat (z.B. Tageszeit, Abstand zu den Mahlzeiten oder zu anderen Medikamenten).
  • Verändern Sie die Menge und Häufigkeit der verordneten Medikamente niemals selber – sprechen Sie darüber mit Ihrem Hausarzt.

Um wirklich sicher zu gehen, ob Sie immer noch die richtigen Medikamente in der richtigen Dosierung einnehmen, sollten Sie alle Ihre Medikamente und pflanzlichen Arzneien zu Ihrem Hausarzt bringen und auf Wechselwirkungen und Wirksamkeit überprüfen lassen. Vielleicht stellt sich dabei heraus, daß das eine oder andere Medikament mittlerweile überflüssig ist oder vielleicht mehrere Medikamente durch ein anderes ersetzt werden können.